Klassikerwortschatz – Nachschlagen, wenn's drückt

Vorarbeiten

 

Der Differenzwortschatz

Zu den einschlägigen Klassikereditionen finden sich Kommentare zu Textstellen, von denen angenommen wird, daß sie Verständnisprobleme bereiten können, oder die als zentral für das Verständnis des Gesamttextes angesehen werden. Die Kommentierungspraxis geht dabei über den reinen Wort(bedeutungs)kommentar weit hinaus. Aber gerade dem Phänomen des Sprachwandels wird bislang leider nur in ungenügendem Maße Rechnung getragen.

Dieser „produziert“ - grob gesagt - drei Kategorien von Wörtern, die dem heutigen Leser (bewußte und nicht bewußte) Verständnisprobleme bereiten:

  1. unbekannte Wörter, die jedem Leser sofort auffallen und teilweise in den Kommentaren auch erläutert werden,

  2. „ungewöhnliche“ Wörter, die der Leser zwar schon gehört hat oder selbst verwendet, die ihm im Zusammenhang der Textstelle allerdings seltsam erscheinen und bestenfalls in Umrissen verstanden werden, und die

  3. amis faux, also die „falschen Freunde“,die der Leser spontan zu verstehen glaubt, die aber dennoch einen signifikanten Bedeutungswandel durchlaufen haben, so daß erst die Rekonstruktion der historisch gewordenen Bedeutung den gemeinten Sinn der Stelle ergibt.

Wenn die Wörter der beiden letzten Kategorien (Beispiele siehe hier) in den Kommentaren nur selten erläutert werden, so liegt dies aber nicht nur an den oben genannten Gründen. Bevor ein Kommentator etwas kommentieren kann, muß ihm selbst der Sprachwandel überhaupt bewußt geworden sein. Daß dies auch bei gestandenen Literaturwissenschaftlern nicht selbstverständlich ist, beruht auf der wissenschaftshistorischen Entwicklung der Germanistik. War sie in ihren Anfängen annähernd zeitgenössisch zur Literatur der Klassiker, so daß die Verständnisprobleme noch nicht bedeutend waren, so hat sie seitdem eine eigene Dynamik des Verstehens der Texte und der Verständigung darüber entwickelt, bei der die mögliche Fremdheit der Texte eine geringe Rolle spielt.